Die Ermordung Jamal Khashoggis hat den Westen aufgeschreckt. Nachdem der Jemenkrieg, warum auch immer, von westlichen Politikern und Journalisten bisher kaum Beachtung fand, erregt der Fall Khashoggi nun die Gemüter und lenkt das Licht der Medien auf den jungen saudischen Kronprinzen, Mohammad bin Salman, kurz „MbS“. Plötzlich ist man überrascht, daß der, für saudische Verhältnisse, relativ moderne MbS sich als Mann fürs Grobe entpuppt. Dabei folgt er nur einer alten orientalischen Tradition, denn die Modernisierung des Orients ging immer mit diktatorischer Gewalt einher.

Viele Länder des Nahen Ostens haben sich nach Ende des Kolonialismus und dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs Europa zum Vorbild genommen. Dort fragte man sich, warum der Westen so überlegen ist und die islamische Welt so scheinbar mühelos überrennen konnte. Daraus schlossen viele Intellektuelle, muslimische wie säkulare, daß man sich kulturell Richtung Okzident orientieren muss. Praktisch geschah dies, indem man die dominierenden Ideologien Europas des 20. Jahrhunderts kopierte: Rudimentäre Formen von Parlamentarismus + Nationalismus + Säkularismus + Sozialismus.

Da wäre der tunesische Diktator Habib Bourguiba, der die islamistische Ennahda-Partei verfolgen ließ und während eines TV-Auftritts im Ramadans an einem Glas Orangensaft nippte und seinen Landsleuten ausrichtete, nicht zu fasten. Oder Ägyptens Gamal Abdel Nasser, der Mitglieder der Muslimbruderschaft in Arbeitslager inhaftieren ließ. Oder das noch heute existierende Assad-Regime in Syrien. Während bereits der frühere Präsident Hafiz al-Assad aufständische Muslimbrüder auf offenem Feld zusammenschießen und das Beten in Kasernen lange untersagen ließ, muss sein Sohn Bashar heute das Regime gegen eine islamistische Opposition verteidigen.

Der berühmteste Modernisierer des Orients ist aber zweifellos er: Mustafa Kemal Atatürk. Der ambitionierte Offizier, der stark von der französischen Revolution beeinflußt war, war Zeit seines Lebens nichts anderes als ein autoritärer Herrscher. Er setzte seine Modernisierungspolitik gegen alle Widerstände durch, so ließ er in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts mehrere Aufstände niederschlagen. 1925 erhoben sich konservativ-sunnitische Kurden unter Scheich Said gegen Atatürk, 1937 erhoben sich die alevitischen Zaza (Die zazaische Sprache ist ein kurdischer Dialekt) von Tunceli („Dersim“). Bei letzterem ging Atatürk gleichermaßen brutal und progressiv vor: Türkische Soldaten durchkämmten die Dörfer und stellten die männlichen Einwohner an die Wand. Gleichzeitig aber flog die erste türkische Kampfpilotin hier ihre ersten Einsätze. Dabei handelte es sich um Sabiha Gökcen, eine von Atatürks Adoptivtöchtern. Berühmtheit erlangte auch sein Hutgesetz, daß alle Männer dazu verpflichtete, einen Hut zu tragen anstatt des traditionell-osmanischen Fez. Proteste dagegen wurden kurz und schnell niederschlagen.

Mohammad bin Salman ist also keineswegs ein neues Phänomen, im Gegenteil, er reiht sich nahtlos in die Liste der orientalischen Modernisierer ein. Man muss weder ein Anhänger noch ein Sympathisant seiner Politik sein, um zu erkennen, daß die derzeitige Überraschung und Empörung über ihn eine starke Ignoranz und Unwissenheit der bisherhigen Geschichte ist.

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