„Arabische Großfamilien“ sind mal wieder ein Thema in der deutschen Öffentlichkeit. Undankbarkeit aufgrund der Aufnahme, festhalten an barbarischen Regeln oder die Verachtung der deutschen Gesellschaft werden ihnen, und zwar in 90% der Fälle zu recht, vorgeworfen. Die Ausbreitung dieser Paralellstrukturen sind ein gewaltiges Problem, wobei man Deutschland aufgrund seiner himmelschreienden Naivität eine Mitschuld an den Verhältnissen geben kann und muss. Doch mit einer Unwahrheit muss aufgeräumt werden: Wenn in irgendeinem deutschen Medium von „libanesisch-kurdischen Clans“ die Rede ist, handelt es sich dabei weder um Kurden und schon gar nicht um Libanesen.

Die Volksgruppe, um die es hier geht, sind sogenannte „Mhallamiye“. Sie sind sunnitische Muslime, sprechen einen vom Kurdischen und wohl auch dem Aramäischen beeinflußten arabischen Dialekt und haben ihr angestammtes Siedlungsgebiet in der Südosttürkei, genauer gesagt in der mehrheitlich kurdischen Provinz an der syrischen Grenze Mardin. Ihr Gebiet besteht nur aus einigen Dutzend Dörfern, die sich in einem Dreieck befinden. Über die Ursprünge dieser Gruppe wird gerätselt, im wesentlichen gibt es mehrere Theorien: Die erste besagt, daß die Mhallamiye von arabischen Eroberern des Frühmittelalters abstammen. Die zweite, daß sie von christlichen Aramäern abstammen, die zum Islam übertraten. Gestützt wird diese These sogar von den in Mardin ansäßigen Aramäern, die in ihrer Geschichte die Sage eines abtrünnigen Stammes kennen.Die dritte, daß es sich um arabisierte Kurden handelt. Die Kurden in der Region sehen sie als Araber an.

Die kurdische Provinz Mardin im Südosten der Türkei

In der Zwischenkriegszeit setzten dann Auswanderungswellen der Mhallamiye ein und zwar hauptsächlich in den Libanon. Grund dafür war vor allem die Türkisierungspolitik der Atatürk-Regierung, die in kurdischen Aufständen, wie dem Sheikh Said-Aufstand von 1925, gipfelten. Ein anderer Grund dürfte wohl die bessere wirtschaftliche Situation im Libanon gewesen sein, da es damals in der traditionell-liberalen Handelsnation leichter war, Wohlstand zu erzeugen als im starren kemalistisch-bürokratischen System der Türkei.

Dort ereilte sie jedoch ein ähnliches Schicksal wie ihre sunnitischen Glaubensbrüder aus Palästina: Die meisten waren höchstens geduldet, einige konnten nach Zähen Verhandlungen mit den libanesischen Christen eingebürgert werden. Dort galten sie nur in Beirut als Kurden, in den übrigen Teilen des Landes als Araber und man nannte sie „Mardelli“. Durch ihre Geschichte hindurch lebten sie eher am Rande der libanesischen Gesellschaft und wurden auch kaum von dieser beachtet. In der Literatur oder in der Wissenschaft tauchen die Mhallamiye im Libanon bis Mitter der 80er nicht auf. Eine Integration in die politische Landschaft des Libanons blieb ihnen, auch aufgrund der Passivität der Gemeinde, weitestgehend verwehrt. Während des Bürgerkriegs verließen wiederum viele Mhallamiye den Libanon und emigrierten nach Deutschland, die Niederlande oder Schweden.

In Deutschland ereilte sie wieder das libanesische Schicksal: Sie waren geduldete mit ungeklärter Staatsangehörigkeit, da viele von ihnen auch keinen libanesischen Pass besaßen. Hier können sie jedoch ihre Clan-Verschworenheit perfekt ausspielen und tanzen den deutschen Behörden auf der Nase herum. Abschiebungen sind kaum möglich, da die libanesische Regierung (sofern es dort überhaupt eine gibt) selten mitspielt und die Leute nicht mehr zurückhaben will. Es bleibt abzuwarten, wie Deutschland mit dieser Gemeinschaft umgehen wird.

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